RHEUMATOLOGIE IM WANDEL

Wie lässt sich die Patientenversorgung auch zukünftig sichern?

Dr. Johannes Hornig

Dr. Johannes Hornig

Der 21. Kongress des Berufsverbandes Deutscher Rheumatologen (BDRh), diesmal abgehalten am 24. und 25. April 2026 im Berliner Estrel-Hotel, bildete erneut ein Forum zur Bewältigung der aktuellen Versorgungsherausforderungen in der Rheumatologie. Vor dem Hintergrund eines zunehmenden Selektionsdrucks durch Praxisschließungen und den demografischen Wandel standen technologische Lösungen und ihre praktische Integration in den klinischen Alltag im Zentrum des wissenschaftlichen Diskurses. Das Programm spiegelte dabei deutlich wider, wie sich die Disziplin auf ein Umfeld einstellt, das von einer steigenden Komplexität und einem gleichzeitigen Bedarf an effizienter Ressourcensteuerung geprägt ist.

INNOVATIVE SCREENING-MODELLE IN DER RHEUMATOLOGISCHEN FRÜHDIAGNOSTIK

Ein zentraler Block des Kongresses widmete sich der drängenden Frage, wie Rheuma-Patienten schneller in die spezialisierte Versorgung überführt werden können. Hierbei wurden verschiedene Screening-Modelle gegenübergestellt, die technologische Innovationen nutzen, um den „Flaschenhals“ der Erstdiagnose zu weiten. Vorgestellt wurde z. B. das System RhePORT, das eine weitestgehend automatisierte Patientenselektion ermöglicht, um die klinische Priorisierung bereits vor dem ersten Praxisbesuch zu erleichtern. Ergänzend dazu wurde eine Telefon-basierte Selektion vorgestellt, welche eine individuelle und fallbasierte Dringlichkeitseinschätzung
ermöglicht.

Zukunftsgewandt war zudem die Diskussion um die Identifizierung von Patienten mit rheumatoider Arthritis mittels thermografischer Methoden sowie die Vorstellung eines Studienkonzepts, welches mittels KI-gestützter Analyse von Krankenkassendaten Patienten mit axialer Spondyloarthritis bereits im Frühstadium identifizieren soll. Ziel dieses Algorithmus ist es, durch die Mustererkennung versorgungsrelevanter Daten eine proaktive Zuweisung in die rheumatologische Diagnostik und Therapie zu steuern, bevor irreversible strukturelle Schäden auftreten – ein wegweisender Schritt hin zu einer prädiktiven und präventiven rheumatologischen Versorgung.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ: KI-SCRIBES UND DIGITALE TELEFONASSISTENZ

Ein weiterer Ankerpunkt des Kongresses war der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) im Praxisalltag. In diesem Kontext wurden KI-Scribes vorgestellt, welche das Arzt-Patient-Gespräch in Echtzeit transkribieren, während Natural Language Processing (NLP) medizinisch relevante Inhalte wie Symptome und Diagnosen kontextuell identifiziert. Die Referenten betonten, dass diese Technologie das Potenzial hat, die Dokumentationslast in der Sprechstunde ohne Qualitätsverlust signifikant zu reduzieren. Die strukturierte Informationserfassung wird so automatisiert, wobei die ärztliche Prüfung als unerlässlicher Sicherheitsmechanismus beibehalten bleibt.

Neben der klinischen Dokumentation widmete sich der Kongress intensiv dem administrativen Nadelöhr: dem Telefon. Die vorgestellten digitalen Telefonassistenten helfen, das Anrufvolumen in einer hochfrequentierten rheumatologischen Praxis zu bewältigen. Die KI-gestützten Assistenten fungieren zudem als virtuelle Rezeptionisten, die Anliegen kategorisieren, Termine buchen und Rezeptwünsche aufnehmen. Für das Praxisteam bedeutet dies eine deutliche Entlastung, da Anrufe strukturiert abgearbeitet werden können, ohne den laufenden Sprechstundenbetrieb zu stören. Die vorgestellten Systeme überzeugten vor allem durch eine DSGVO-konforme Implementierung, die ohne tiefgreifende IT-Eingriffe in die bestehende Infrastruktur integriert werden kann – eine essenzielle Voraussetzung für die schnelle Adoption in der Praxis.

STRATEGISCHE PRAXISSTEUERUNG IM BLICKPUNKT

Abseits der KI-Themen bot das Kongressprogramm ein breites Spektrum an Lösungsansätzen für die Praxisführung: von der Auseinandersetzung mit berufspolitischen Modellen über das Management der ASV (Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung) bis hin zur Vorbereitung auf die Praxisabgabe. Themen wie Datenschutz und Cyberkriminalität oder betriebswirtschaftliche Analysen der Einnahmen-Kosten-Struktur unterstrichen die Notwendigkeit einer unternehmerisch orientierten, aber medizinisch hochwertigen Praxisführung mit unseren Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt.

RHEUMATOLOGISCHE FACHASSISTENZ – EIN UNVERZICHTBARER BAUSTEIN DER VERSORGUNG

Eng verknüpft mit den erwähnten technologischen Fortschritten ist die Rolle der Rheumatologischen Fachassistenz (RFA), die im Rahmen der Parallelveranstaltung vertieft beleuchtet wurde. Ein Highlight war ein Vortrag zum Thema „KI in der Medizin - weniger tippen, mehr behandeln“, in welchem das Thema künstliche Intelligenz in der Versorgung ebenfalls aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurde.

Interessanterweise zeigen Studien, dass KI-gestützte Patientenkommunikation nicht nur effizient, sondern auch von hoher Qualität und Empathie geprägt ist. Analysen zur Zeitersparnis, unterstreichen, dass die Technologie bereits heute in der Lage ist, den Workflow zu optimieren und Praxisteams mehr Raum für die direkte Behandlung zu verschaffen, statt sich auf das Tippen in das Praxisverwaltungssystem (PVS) zu konzentrieren. Denn auch der RFA-Kontakt als Schnittstelle wird durch KI-gestützte Systeme neu definiert: Hier unterstützt die KI nicht nur den Arzt, sondern optimiert den Austausch zwischen Arzt und Fachassistenz, indem sie die Informationsübermittlung und Dokumentation in den Betreuungsprozess chronisch kranker Patienten unterstützt. Durch den intelligenten Einsatz von KI-Systemen wird eine engmaschige Versorgung ermöglicht, die dem hohen Anteil an komplex erkrankten Patientinnen und Patienten gerecht wird.

FAZIT

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der 21. BDRh-Kongress den Weg in eine digital unterstützte, aber dennoch Patienten-zentrierte rheumatologische Versorgung aufgezeigt hat. Die Synergie aus moderner KI-Technologie und einer hochqualifizierten Rheumatologischen Fachassistenz bietet die notwendigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche rheumatologische Versorgung in der Zukunft. Berlin bot hierfür die ideale Bühne, um die notwendige Transformation nicht nur zu diskutieren, sondern praxisnah zu skizzieren.

Dr. med. Johannes Hornig
Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie
rheumapraxis an der hase
Möserstraße 46
49074 Osnabrück