Digitale Werkzeuge können dazu beitragen, diese strukturellen Engpässe zu entschärfen: durch eine gezielte Steuerung von Erstvorstellungen, stärkere Einbindung der Patientinnen und Patienten in den Therapieverlauf sowie Entlastung der Praxen von dokumentarischen Aufgaben. Der folgende Beitrag zeigt, wie innerhalb der Rhadar-Gruppe digitale Tools entwickelt wurden, um diese Herausforderungen entlang der rheumatologischen Versorgungskette zu adressieren.
Die Rhadar-Gruppe (www.rhadar.de) entstand aus zwei Gruppierungen von Rheumatologinnen und Rheumatologen sowie einem Radiologen. Ausgangspunkt war zum einen eine Gruppe um das RhePORT-Tool, ein fragebogenbasiertes Selbstzuweisungstool für Neupatientinnen und -patienten, (2) zum anderen Rheumatologinnen und Rheumatologen, die bereits noch zur Zeit der vorhergehenden Software (RheumaDok) des Berufsverbandes Deutscher Rheumatologen (BDRh) mit einer gemeinsamen Sammlung von Verlaufsdaten ihrer Patienten begonnen hatten. (3) Weitere assoziierte Praxen und Interessierte konnten im Lauf der Zeit gewonnen werden.
EIN SYSTEM FÜR DIE RHEUMATOLOGIE
Die Rhadar-Gruppe ist kein Anbieter einer einzelnen Softwarelösung, sondern ist teilweise Entwickler, teilweise Mitentwickler und Mitgestalter eines modularen, miteinander verzahnten digitalen rheumatologischen „Baukastensystems“, das Patientinnen und Patienten, Rheumatologinnen und Rheumatologen, Praxen, Register und Berufsverband verbindet. Ziel ist es, die gesamte Versorgungskette – von der Früherkennung und -zuweisung über die strukturierte Dokumentation bis hin zur patientenberichteten Verlaufskontrolle – digital abzubilden und sinnvoll zusammenzuführen und auch auszuwerten. Im Zentrum dieses Ansatzes stehen vier eng miteinander verknüpfte Komponenten (s. Abb.).
RHEPORT – DIGITALER RHEUMACHECK ZUR ERSTTERMINVERGABE
Ein zentrales Problem der rheumatologischen Versorgung ist der Zugang zur spezialisierten Behandlung. RhePORT setzt hier an: Patientinnen und Patienten registrieren sich online und beantworten – unterstützt durch Beispielbilder – einen strukturierten Fragebogen zu Symptomen entzündlich-rheumatischer Erkrankungen, einschließlich seltener Entitäten wie Kollagenosen oder Vaskulitiden. Auf Basis eines Algorithmus erfolgt eine Einschätzung der Dringlichkeit mit direktem Terminvorschlag.In der Praxis des Verfassers sank die Zahl ärztlicher Telefonate mit zuweisenden Kolleginnen und Kollegen nach Einführung von RhePORT von etwa 330 pro Jahr (2023) auf rund 30 (2025). Besonders positiv war das Feedback der MFAs, mussten diese vor Einführung von RhePORT Telefonate vermitteln, Termine zufaxen, Kalendereinträge vornehmen etc., so gibt es jetzt nur noch einen Arbeitsprozess: das wöchentliche Einstellen von Terminen in RhePORT jeweils nur 4 Wochen im Voraus. In einer multizentrischen Studie mit über 600 Erstvorstellungen zeigte sich, dass sich durch den Einsatz von RhePORT die Trefferquote entzündlich-rheumatischer Erkrankungen im Vergleich zur herkömmlichen Zuweisung verdoppelte. (2)
RHECORD – PATIENT REPORTED OUTCOMES IM KLINISCHEN ALLTAG
Patientenberichtete Outcomes (PROs) und Aktivitätsscores sind zentral für Therapieentscheidungen, Qualitätssicherung und Forschung. RheCORD ermöglicht die strukturierte digitale Erhebung dieser Daten direkt durch die Patientinnen und Patienten, idealerweise bereits vor dem Praxisbesuch über eine Smartphone-App. Den behandelnden Rheumatologinnen und Rheumatologen stehen dadurch vor dem Arzt-Patienten-Kontakt strukturierte Informationen zu Schmerz, Krankheitsaktivität, Funktionsstatus, Fatigue, psychischer Belastung und Lebensqualität zur Verfügung.
Seit dem 1. Oktober 2025 wird der BARMER-Vertrag „Besondere Versorgung Rheuma“ in Berlin und Bayern durch ein Pilotprojekt zur digitalen Therapiebegleitung mit RheCORD ergänzt. Die App bietet u. a. Inhalte zur Selbstfürsorge und Übungsprogramme; die Vergütung erfolgt über Pauschalen für Einrichtung und Monitoring.
RHEDAT – STRUKTURIERTE ÄRZTLICHE DOKUMENTATION
RheDAT ist die vom BDRh in Kooperation mit der DGRh, dem VRA und dem DRFZ bereitgestellte Software zur standardisierten rheumatologischen Dokumentation. Sie unterstützt die strukturierte Erfassung von Diagnosen, Therapien, Verlaufsparametern, PROs und Aktivitätsscores und verfügt über Schnittstellen zu Praxisverwaltungssystemen, Laboren und RheCORD. Die aus RheCORD erhobenen Daten werden automatisch in RheDAT übernommen und übersichtlich dargestellt. Die Patientendaten werden für die lokale Patientenversorgung genutzt, finden aber auch Eingang in die Versorgungsforschung mit verschiedenen Projekten und Studien. Der größte Nutzen besteht hier in der Vermeidung von Doppel- bzw. Mehrfachdokumentationen.
Wichtig ist: Die in RheDAT gespeicherten Daten werden nicht automatisch weitergegeben. Ohne aktive Teilnahme und Freigabe durch den Patienten in Form einer signierten Einverständniserklärung verlassen sie die Praxis nicht – ein in der Vergangenheit verbreitetes Missverständnis.
RHESERV – SICHERE DATENZUSAMMENFÜHRUNG
RheServ ist der in Deutschland betriebene, sichere Server der Rhadar-Gruppe. Eine Datenübertragung aus RheDAT erfolgt ausschließlich bei aktiver Teilnahme an Rhadar und Einrichtung einer individuellen, verschlüsselten Verbindung und nur dann, wenn die Patientinnen und Patienten zuvor ihr schriftliches Einverständnis gegeben haben. Ohne technische Autorisierung und dokumentierte Einwilligung ist ein Upload ausgeschlossen; die Datenhoheit verbleibt jederzeit bei den Praxen. Auf dieser Basis wurden bereits zahlreiche wissenschaftliche Auswertungen publiziert. (4-9)
VERNETZUNG UND KOOPERATION
RheDAT bildet somit die Grundlage für Studien, Registerdokumentation sowie Dokumentations- und Abrechnungsunterstützung in Versorgungsverträgen. Eine Einspeisung von PROs erfolgt automatisiert durch die Patientinnen und Patienten mittels RheCORD. Darüber hinaus bestehen Verbindungen zum digitalen rheumatologischen Informationssystem DiRhIS; weitere Schnittstellen, u. a. zwischen DiRhIS und RheCORD, sind geplant. Die beschriebenen Entwicklungen von RheCORD und RhePORT mit Verbindung zu RheDAT und anderen wären ohne enge Kooperationen nicht möglich. Besonderer Dank gilt dem Berufsverband Deutscher Rheumatologen (BDRh), der BDRh Service GmbH, der STAR Healthcare Management GmbH, der Deutschen Rheuma-Liga sowie der medicstream GmbH.
KOLLEGIALER AUSBLICK
Wir erleben täglich, wie anspruchsvoll und verdichtet der rheumatologische Alltag geworden ist: steigende Patientenzahlen, begrenzte Ressourcen und ein hoher organisatorischer Aufwand. Die in der Rhadar-Gruppe entwickelten digitalen Werkzeuge sind aus genau diesen Erfahrungen heraus entstanden – aus der Praxis für die Praxis. Für uns steht dabei nicht die Technik im Vordergrund, sondern der Nutzen: mehr Zeit für die ärztliche Arbeit, Effizienz im Praxisablauf, ein hoher, automatisierter Dokumentationsstandard und eine stärkere Einbindung unserer Patientinnen und Patienten. Digitale Lösungen müssen sinnvoll integriert sein und unsere Arbeit wirklich erleichtern.
Die Rhadar-Gruppe versteht sich als ein kollegiales Netzwerk, das sich kontinuierlich weiterentwickelt. Wir laden alle Kolleginnen und Kollegen ein, diesen Weg kritisch, konstruktiv und gemeinsam mitzugehen – denn eine zukunftsfähige Rheumatologie – aus der Perspektive von Patientinnen und Patienten sowie Rheumatologinnen und Rheumatologen - lässt sich nur miteinander gestalten.
Prof. Dr. med. Stefan Kleinert,
Dr. med. Cay von der Decken
RheumaDatenRheport GbR,
Möhrendorfer Str. 1C, 91056 Erlangen
Anhang: Webadressen: RheumaDatenRheport GbR: rhadar.de | RhePort rheport.de | RheCORD: rhecord.de | RheDAT: rhedat.de | DiRhIS dirhis.info | Literatur: 1 Braun J et al., Z Rheumatol 2024; 83(Suppl 2): 249–284 | 2 von der Decken CB et al., Rheumatol Int. 2025;45(5):129 | 3 Kleinert S et al., J Med Internet Res 2021; 23(5): e28164 | 4 Strunz PP et al., Z Rheumatol. 2025; doi: 10.1007/s00393-025-01728-7 | 5 Risser LM et al., Rheumatol Int 2025; 45(5): 100 | 6 Regierer AC et al., Rheumatol Int 2025; 45(8): 181 | 7 Strunz PP et al., Front Immunol 2024; 15: 1445680 | 8 Strunz PP et al., Rheumatol Int. 2024;44(10):2057–2066 | 9 Strunz PP et al., Front Immunol 2024; 15: 1395968
