Haben schon früher Rheumapatienten Dr. Google genutzt, wird jetzt natürlich auch vermehrt KI zu Rate gezogen – wenn auch, wie eine bundesweite Umfrage 2025 bei 778 Betroffenen zeigt, noch weniger als gedacht. 27 % nutzten bereits aktiv KI-Anwendungen, vorwiegend für Krankheits- bzw. medizinische Informationen, immerhin 58 % bekundeten ihr Interesse daran. Das größte Interesse bestand laut Knitza an KI-basierten Symptom-Checkern (64 %), gefolgt von Therapieempfehlungen und Chatbots für medizinische Fragestellungen.
MANNIGFALTIGE ANWENDUNGEN DENKBAR
Eine Befragung 172 deutscher Rheumatologen aus 2024 – als die KI noch nicht so weit wie heute war – wiederum ergab, dass sie am häufigsten für wissenschaftliches Schreiben und Patientenkorrespondenz genutzt wurde, das größte Potenzial aber in der Hilfe bei der Diagnosestellung und Arztbriefen gesehen wurde. Gerade letzteres wird heute schon rege genutzt, erläuterte Dr. Aries, da KI Medical Scribes erheblich Zeit sparen und mehr Konzentration aus das Patientengespräch erlauben, was auch bei den Patienten positiv auffällt. Wie bei anderen KI-Anwendungen in der Praxis, etwa Chat-GPT zur Texterkennung, ist aber anzumerken, dass „plug & play“ nicht funktioniert, sondern man zunächst viel Zeit investieren muss, um mit den richtigen Prompts den gewünschten Nutzen zu erzielen.
Bislang nur vereinzelt angewendet wird KI in der Automatisierung des Ultraschalls – erste Schritte wurden mit dem KI-gestützten Ultraschall-Roboter ARTHUR aber bereits gemacht – oder der Blutentnahme, ein erster solcher, CE-zertifizierter Automat namens Aletta (auch mit KI-gestütztem Ultraschall funktionierend) soll eine mit 94,5 % hohe Erfolgsrate beim ersten Entnahmeversuch haben, so Knitza. Noch ist vor allem letzteres, auch aufgrund der hohen Kosten aber noch Zukunftsmusik. Schon recht weitgediehen ist hingegen der diagnostische Einsatz von KI in der Bildgebung, hier vor allem bei axialer Spondyloarthritis, führte Krusche weiter aus. Vor allem beim Röntgen wurden mittels Deep Learning schon mit menschlichen Readern vergleichbar gute Ergebnisse erzielt, bei der MRT ist man noch nicht ganz so weit. Perspektivisch kann KI dabei helfen, Strahlenbelastung und Scan-Zeiten zu reduzieren und die Bildinterpretation zu verbessern, auch beim Scoring und im Monitoring hat sie Potenzial.
ASSISTENZ BEI DIAGNOSE UND THERAPIE
Interessant ist die Hilfestellung der KI bei der Diagnose speziell seltenerer Erkrankungen. Bereits 2023 war Chat-GPT Rheumatologen hier nicht signifikant unterlegen, berichtete Knitza. Neuere Large Language Modelle (LLMs) sind inzwischen noch besser geworden. Aktuellen Studiendaten zufolge haben LLMs wie Prof. Valmed, Llama 3.3, Chat-GPT-5 Thinking, Gemini 1.5 Pro, Open Evidence, Chat-GPT 4.0 oder Claude 3.5 Sonnet klassische Symptom-Checker wie Symptoma, Isabel Ddx oder Aida sowohl bei der Top 1- als auch den Top 5-Diagnosen schon längst (und weit) abgehängt. Vor allem die schnellen Antwortzeiten (20-40 Sekunden) sind beeindruckend. Prof. Valmed wurde unlängst als erstes LLM-basiertes Medizinprodukt zugelassen, andere LLMs funktionieren ähnlich gut. Auf Basis noch nicht veröffentlichter Daten, in denen Diagnosevorschläge von Prof. Valmed mit jenen von Rheumatologen und Nicht-Rheumatologen (jeweils mit/ohne KI-Assistenz) verglichen wurden, gelangt Knitza zur Schlussfolgerung, dass „die KI mittlerweile besser als wir ist.“
Auch bei der Therapieentscheidung kann die KI unterstützend gute Dienste leisten, obwohl in der Rheum2Guide-Studie aus 2024 seinerzeit die Therapiepläne von Rheumatologie-Boards den getesteten LLMs gegenüber besser abschnitten, wie Krusche ergänzte.
Während Rheumatologen von der KI-Assistenz fraglos profitieren, besteht aber zugleich auch die Gefahr der Selbstüberschätzung – Vorsicht ist also angebracht (nicht nur aus rechtlichen Aspekten). Auch fehlt es im Grunde noch an belastbarer Evidenz für den Nutzen von KI in der Medizin, denn eigentlich bräuchte es analog zu Medikamenten randomisierte, kontrollierte Studien. Dennoch könnte in Zukunft die Frage interessant werden, ob es in einigen Jahren bei initialer Fehldiagnose oder einer „falschen“ Therapie ein Kunstfehler sein könnte, zuvor nicht die KI befragt zu haben…
AUCH DIE PATIENTEN PROFITIEREN
Und damit zurück zu den Patienten: Obwohl LLMs für diese als Informationsquelle nützlich sind, werden manche ihrer Fragen durch reine Leitlinienwiedergabe nicht adressiert. Hier wird derzeit mit RheFrag ein leitliniengerechter Chatbot erprobt, der direkt konkrete Fragen beantworten kann. Erste Daten weisen laut Knitza auf eine hohe Akzeptanz der Patienten von über
90 % hin, dies fast unabhängig von der Indikation.
Quellen: Sitzungen „KI in der Patientenversorgung: Fluch oder Segen?“, und „ KI in der Rheumatologie: Welche Tools funktionieren heute schon?“, Berlin, 24. Oktober 2026
