Das Innovationsfondsprojekt DELIVER-CARE (Delegation und Vernetzung bei chronisch inflammatorischen Erkrankungen, #01NVF18014) hat ein Delegationsmodell in der Rheumatologie, Gastroenterologie und Dermatologie untersucht. Die zentrale Fragestellung war, ob eine qualitativ hochwertige Versorgung der Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen mit einer multiprofessionellen Team-Betreuung im Vergleich zu der Versorgung allein durch die Fachärztin oder den Facharzt, sichergestellt werden kann.
Der Kern war eine strukturierte MFA-Visite als Teil des teambasierten Settings (Fachärztin oder Facharzt plus qualifizierte MFA). Studiendesign war eine multizentrische, randomisierte, kontrollierte, prospektive Interventionsstudie mit Nichtunterlegenheitsansatz über 12 Monate. Randomisiert wurden Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen in einer Phase erhöhter Krankheitsaktivität, zum Beispiel bei Therapiebeginn, Therapieumstellung oder Eskalation.
In der Interventionsgruppe erfolgten MFA-Visiten nach 6, 12 und 36 Wochen, die Visiten nach 24 und 52 Wochen verliefen gemäß Standardversorgung. In der Kontrollgruppe erfolgte eine Standardversorgung. Primärer Endpunkt war die gesundheitsbezogene Lebensqualität (EQ-5D-3L-Index und visuelle Analogskala, VAS). Zusätzlich wurden mehrere sekundäre Endpunkte, darunter Krankheitsaktivität, Arbeitsfähigkeit und weitere patientenberichtete Parameter untersucht.
DREI ZENTRALE ERGEBNISSE - DELEGATION IST NICHT UNTERLEGEN UND KLINISCH SICHER ABBILDBAR
Insgesamt wurden 602 Patientinnen und Patienten randomisiert, davon 448 aus der Rheumatologie. Für den primären Endpunkt zeigten sich keine Unterschiede in der erwarteten Entwicklung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (EQ-5D-3L) zwischen Interventionsgruppe und Kontrollgruppe. Auch bei den sekundären Endpunkten zeigte sich nach 12 Monaten kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen und somit keine Unterlegenheit der der teambasierten Versorgung. (1)
Ergänzend liefert eine Prozessevaluation eine klare Botschaft zur Umsetzbarkeit: In 61 Interviews (Ärztinnen und Ärzte, MFAs, Patientinnen und Patienten) wurde das Modell überwiegend positiv bewertet. Als Nutzen wurden häufig genannt: Entlastung ärztlicher Zeit, Aufwertung der MFA-Rolle, mehr Zeit für Information, Unterstützung bei der Adhärenz und Krankheitsbewältigung. Als zentrale Hürde wurde wiederholt ein fehlendes Finanzierungskonzept genannt, verstärkt durch personelle Engpässe und Fluktuation. (2)
DELEGATION IST KOSTENEFFEKTIV
Die gesundheitsökonomische Analyse zeigt, dass Delegation nicht nur aus der Perspektive der Versorgung sinnvoll ist, sondern auch wirtschaftlich. QALYs (qualitätsadjustierte Lebensjahre) wurden über den primären Endpunkt der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (EQ-5D-3L) abgeleitet und Kosten wurden auf Basis erfasster Ressourcenverbräuche berechnet. In der untersuchten Kohorte lagen die medianen jährlichen Gesamtkosten in der Interventionsgruppe niedriger als in der Kontrollgruppe, bei vergleichbaren QALYs. Der berechnete inkrementelle Kosten-Effektivitätswert lag unter null. Das bedeutet, dass bei vergleichbarem Nutzen geringere Kosten entstehen, die Intervention ist damit kosteneffektiv. Für die Praxis heißt das: Delegation kann fachärztliche Zeit für komplexe Entscheidungen oder neue Patienten freisetzen, ohne an Ergebnisqualität zu verlieren, und sie ist auch aus Kostenträgersicht gut begründbar. (3)
VERZÖGERTER RHEUMATOLOGISCHER FACHARZTZUGANG ERZEUGT HOHE FOLGEKOSTEN
Eine begleitende Auswertung von Routinedaten der gesetzlichen Krankenkassen zur rheumatoiden Arthritis (RA) zeigt ein strukturelles Problem, das im Versorgungsalltag häufig sichtbar ist: Viele Betroffene erreichen die rheumatologische Facharztversorgung spät oder im ersten Jahr gar nicht. In den Daten hatten 57,4 % der Patienten mit seropositiver RA (M05) und 24,4 % der Patienten mit seronegativer RA (M06) keinen Facharztzugang im ersten Jahr nach Verdachtsdiagnose. Bei späterem Zugang stiegen die Arzneimittelkosten deutlich an, denn Patientinnen und Patienten mit einem späten Zugang zu einer fachärztlichen Versorgung wurden früher auf hochpreisige Medikamente umgestellt als Patientinnen und Patienten mit einem Zugang bereits im Quartal der Verdachtsdiagnose.
Dies zeigt deutlich, dass eine verzögerte Diagnosestellung nicht nur klinisch ungünstig ist, sondern im Verlauf auch höhere Kosten nach sich zieht. Delegation kann helfen, fachärztliche Kapazität für die Diagnostik und nachfolgende Einleitung einer Therapie freizumachen, bei gleichzeitiger Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Versorgung aller Patienten. (4)
HANDLUNGSAUFTRAG: EVIDENZ IST DA, JETZT BRAUCHT ES VERGÜTUNG
Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hat für DELIVER-CARE am 22. August 2025 eine Transferempfehlung mit Prüfbitte zur Überführung in die Regelversorgung ausgesprochen. (1) Damit liegt eine formale, positive Bewertung der Projektergebnisse in Richtung Regelversorgung vor. Aus Versorgungssicht ist der Engpass nicht mehr die Evidenz, sondern die Umsetzung und flächendeckende Implementierung. Ohne verlässliche Abbildung in einer adäquaten Vergütung bleibt Delegation projektförmig und abhängig von einzelnen motivierten Praxen.
Was es jetzt braucht, ist eine klare, bundeseinheitliche Vergütungslogik für strukturierte, qualitätsgesicherte MFA-Visiten inklusive definierter Anforderungen, z. B. an die Qualifikation der MFA, aber auch Anpassung des rechtlichen Rahmens (Bundesmantelvertrag-Ärzte, BMVÄ, Anlage 24). Wenn Delegation ein Standardbaustein gegen Versorgungsengpässe sein soll, dann sollte der Rahmen so gesetzt werden, dass Delegation für Praxen planbar und wirtschaftlich darstellbar ist.
Dr. Kirsten Hoeper
Klinik für Rheumatologie und Immunologie,
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover
Literatur: 1 Innovationsausschuss beim G-BA: Berichte und Beschluss DELIVER-CARE, 22.08.2025 (https://innovationsfonds.g-ba.de/beschluesse/deliver-care.343) | 2 Damm K et al., Z Evid Fortbild Qual Gesundh.wesen 2025; doi: 10.1016/j.zefq.2025.10.006 | 3 Licker L et al., Health economic evaluation of the ‘DELIVER-CARE’ study - Delegation for chronic inflammatory diseases. Eur J Health Econ 2026, submitted | 4 Licker L et al., Der Preis des späten Facharztzugangs – Auswirkungen auf die Arzneimittelkosten bei rheumatoider Arthritis. Z Rheumatol 2026, in press
