IM GESPRÄCH: PD DR. PATRICK-PASCAL STRUNZ

Axia-App als erste „DiGA“ („App auf Rezept“) in der Rheumatologie

PD Dr. Patrick-Pascal Strunz

PD Dr. Patrick-Pascal Strunz

Mit der Zulassung der „Axia"-App steht erstmals eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung in der Regelversorgung in Deutschland zur Verfügung. Die Axia-App bietet eine strukturierte Bewegungstherapie und schließt damit die Versorgungslücke bei axialer Spondyloarthritis (axSpA). Anlässlich des BDRh-Kongresses sprach Sonja Froschauer mit PD Dr. Patrick-Pascal Strunz, Würzburg, dem Leiter der Bechterew App-Studie, die der Zulassung von Axia als DiGA den Weg gebahnt hat.

HERR DR. STRUNZ, MIT AXIA WURDE VOR WENIGEN WOCHEN DIE ERSTE DIGA („APP AUF REZEPT“) FÜR EINE RHEUMATISCHE ERKRANKUNG, NÄMLICH DIE AXIALE SPONDYLOARTHRITIS, ZUGELASSEN. WIE SOLL AXIA DEN BETROFFENEN HELFEN?

Die Hauptfunktion von Axia liegt in Anleitung und Motivation zur axSpA-spezifischen Bewegungstherapie. Axia agiert dabei wie ein digitaler Coach in der Hosentasche, der über alle Erkrankungsstadien hinweg individualisierte Übungen bietet und darüber hinaus auf positive Weise zur täglichen Bewegung motiviert. Ein besonderer Fokus liegt darauf, die axSpA-Übungen nachhaltig in den Alltag zu integrieren und feste Bewegungsgewohnheiten aufzubauen. Weitere Funktionen umfassen eine große interaktive Wissensbibliothek mit geprüftem, medizinischem Wissen zur Erkrankung, einen Symptom- und Medikamententracker, einen Schrittzähler, Dokumentationsmöglichkeiten für Sport sowie Entspannungsübungen.

WIE KÖNNEN PATIENTINNEN UND PATIENTEN AN EINEN APP-ZUGRIFF GELANGEN UND WAS MUSS DER ARZT DABEI TUN?

Axia ist seit Februar 2026 dauerhaft im DiGA-Verzeichnis gelistet und kann entsprechend von allen gesetzlich versicherten und fast allen privat versicherten Patienten zuzahlungsfrei über die Krankenkasse genutzt werden. Ärzte können Axia ohne Belastung ihres Budgets verordnen.

Die Verordnung erfolgt auf einem klassischen, roten „Muster 16 Rezept“. Soweit in manchen Praxissystemen technisch nur eine eRezept-Ausstellung möglich ist, sollte den Patienten unbedingt auch ein Papierausdruck mit ausgehändigt werden. Das Rezept muss der Patient entweder selbstständig oder über den Rezeptservice des Herstellers bei der eigenen Krankenkasse einreichen – im Gegenzug erhält der Patient von der Krankenkasse einen Freischaltcode zurück. Mithilfe dessen kann die in den App-Stores frei verfügbare App dann für 90 Tage entsperrt werden.

WAS STECKT HINTER DEM ZULASSUNGSVERFAHREN EINER DIGA WIE AXIA?

Für die Prüfung und Zulassung von Apps zu erstattungsfähigen „DiGAs“ ist das BfArM zuständig. DiGAs müssen einen rigorosen Zulassungsprozess durchlaufen: Zum einen muss eine DiGA hohe technische Standards erfüllen: Dazu zählen Vorgaben zum Medizinprodukterecht, Datenschutz und Datensicherheit. Hier müssen DiGAs bzw. DiGA-Hersteller eine Reihe an Normen erfüllen und Zertifikate erlangen. Beispiele sind die Pflicht zum Führen eines QM-Systems nach ISO 13485, die ISO 27001 für Informationssicherheit oder ein Datensicherheitszertifikat nach BSI TR 03161.

Zum anderen muss eine DiGAs– ähnlich wie Arzneimittel auch – in einer Zulassungsstudie einen medizinischen Nutzen für die Anwender nachweisen. Im Falle von Axia wurde eine RCT mit 200 Probanden mit stabiler Begleitmedikation durchgeführt, wobei die eine Hälfte (zusätzlich „treatment as usual) Zugriff auf Axia erhielten, während die Kontrollgruppe „treatment as usual“ durchführte. Nach 12 Wochen zeigten sich in der App-Nutzungsgruppe hochsignifikante und klinisch relevante Verbesserungen bei Krankheitsaktivität (bemessen am BASDAI, Δ-1.5), Funktionsfähigkeit (bemessen am BASFI, Δ-1.1) und Lebensqualität (bemessen am ASQoL, Δ -2.3). In der Kontrollgruppe kam es zu keinen relevanten Veränderungen. Die ausführlichen Daten wurden vor Kurzem in den Annals of Rheumatic Diseases publiziert.

WO GENAU POSITIONIERT SICH AXIA IM BEHANDLUNGSPFAD?

Axia stellt ein völlig neues Therapieprinzip dar und positioniert sich dabei im nichtpharmakologischen Behandlungspfad. Für einen nachhaltigen Therapieeffekt sollten axSpA-Patientinnen und -Patienten ihre Bewegungstherapie idealerweise täglich durchführen. Diese Frequenz lässt sich in der Versorgungsrealität allein über klassische Angebote wie Physiotherapie aber kaum abbilden – der Patient muss unabhängig von etwaigen Terminen beim Physiotherapeuten selbst täglich aktiv werden. An dieser Stelle kann Axia eine strukturierte und kontinuierliche Umsetzung im Alltag unterstützen und damit die zentrale Herausforderung der langfristigen Adhärenz adressieren – sowohl ergänzend zur Physiotherapie als auch unabhängig davon.

Darüber hinaus deckt Axia durch die Wissensbibliothek auch die Patientenedukation ab und kann helfen, die Selbstwirksamkeit der Patienten nachhaltig zu steigern.

DIE DIGA KOSTET MOMENTAN 599 EURO BRUTTO BZW. 503 EUR NETTO PRO 90-TAGES-LIZENZ UND AB FEBRUAR 2027 VERMUTLICH ETWA 200 EURO PRO 90-TAGES-LIZENZ. WIE BEWERTEN SIE DIE KOSTENEFFIZIENZ?

Die Regelung, dass im ersten Jahr keine Preisbindung herrscht und damit höhere Preise verlangt werden können, ist aus meiner Sicht gerechtfertigt, um die hohen Entwicklungskosten für eine DiGA zu refinanzieren. Ab dem 2. Jahr werden die Kosten deutlich moderater.

Zum Vergleich: Einmal wöchentliche Physiotherapie belastet die gesetzliche Krankenkasse momentan mit rund 385 Euro netto pro Vierteljahr – bei zwei Terminen pro Woche wären es rund 770 Euro.

WAS UNTERSCHEIDET AUS IHRER SICHT EINE „NORMALE APP“ VON EINER DIGA WIE AXIA?

Der nachgewiesene medizinische Nutzen. Ohne belastbare Studiendaten bleibt eine App ein Lifestyle-Produkt – mit robuster Evidenz kann sie als DiGA Teil der Regelversorgung werden.