IMPFEN BEI RHEUMATISCHEN ERKRANKUNGEN

Update der EULAR-Empfehlungen veröffentlicht

Die letzten EULAR-Empfehlungen zur Vakzinierung erwachsener Patienten mit autoimmunen entzündlichen rheumatischen Erkrankungen (engl. AIIRD) stammten aus 2011. Eine Task Force um Victoria Furer, Tel Aviv (Israel), legte nun ein 2019er-Update unter Berücksichtigung der neuen Erkenntnisse und Entwicklungen der letzten Jahre vor.

Aufgrund ihrer Grunderkrankung, Komorbiditäten und immunsuppressiven Therapien mit Glukokortikoiden, cs-DMARDs, bDMARDs und tsDMARDs weisen Rheumapatienten gerade in frühen Krankheitsstadien ein erhöhtes Risiko für Infektionen auf, was eine konsequente Prävention durch geeignete Impfstrategien erforderlich macht. Die aktualisierten EULAR-Empfehlungen 2019 basieren auf vier systematischen Literaturreviews zur Inzidenz bzw. Prävalenz durch Impfungen vermeidbarer Infektionen bei AIIRD-Patienten, zur Effektivität, Immunogenität und Sicherheit der Vakzinen, zu den Effekten antirheumatischer Therapien auf das Impfansprechen und zum Effekt der Vakzinierung auf Personen im häuslichen Umfeld der Betroffenen. Nachfolgend wurden basierend auf Evidenz aber auch Expertenmeinung sechs übergreifende Prinzipien und neun Empfehlungen verabschiedet.


Die übergreifenden Prinzipien und Empfehlungen

Mit hohem Zustimmungsgrad versehen sind folgende fünf der sechs „overarching principles“: Der Impfstatus und Indikationen für weitere Vakzinierungen sollten jährlich von einem Rheumatologen-Team erhoben werden. Das individualisierte Impfprogramm sollte Patienten von diesem Team erklärt werden, um die Basis für eine „shared decision“ zu schaffen, und gemeinsam von Haus- bzw. Allgemeinarzt, Rheumatologen und Patienten implementiert werden. Die Vakzinierung sollte präferenziell in „ruhigen“ Krankheitsphasen sowie möglichst vor einer geplanten Immunsuppression, insbesondere vor B-Zell depletierenden Therapien, erfolgen. Totimpfstoffe können auch während der Behandlung mit systemischen GK und DMARDs eingesetzt werden. Kontrovers war mit einer Zustimmung von nur 53 % die 6. Aussage: Abgeschwächte Lebendimpfstoffe können mit Vorsicht bei AIIRD-Patienten erwogen werden. Einigkeit herrschte darin, dass diese unter einer Immunsuppression, von Einzelfällen (z. B. MMR-Auffrischung) abgesehen, vermieden werden sollten.

Unverändert blieb die auf Position 1 vorgerückte Empfehlung, dass die Influenzaimpfung für die Mehrheit der Patienten „stark“ erwogen werden sollte (trotz positiver Studiendaten wird derzeit keine MTX-Unterbrechung vor/nach der Impfung befürwortet). Der identische, gleichbleibende Wortlaut wurde für die an die 2. Stelle gerückte Pneumokokken-Impfung gewählt. AIIRD-Patienten sollten eine Tetanus-Impfung entsprechend den Empfehlungen für die Allgemeinbevölkerung erhalten, bei Patienten mit B-Zell depletierenden Therapien sollte eine passive Immunisierung erwogen werden. Ebenfalls fast unverändert gilt, dass Patienten mit entsprechendem Risiko Hepatitis A- und B-Vakzine erhalten sollten, neu ist, dass in bestimmten Situationen eine Auffrischung oder passive Immunisierung indiziert ist. Gleich blieb die Empfehlung, dass eine Herpes zoster-Impfung bei Hochrisiko-Patienten erwogen werden sollte. Eine spezifische Empfehlung zugunsten des Totimpfstoffs Shingrix gibt es noch nicht – sehr vorteilhafte Daten zur Effektivität und Sicherheit speziell bei AIIRD-Patienten wurden aber kürzlich auf dem EULAR 2019 vorgelegt.

Neu ist, dass eine Gelbfieber-Impfung bei AIIRD-Patienten generell vermieden werden sollte und dass insbesondere solche mit SLE eine HPV-Impfung gemäß den Empfehlungen für die Allgemeinbevölkerung erhalten sollten. Des Weiteren, auch dies ist neu, sollen immunkompetente Haushaltsmitglieder von Rheumapatienten dazu ermutigt werden, Impfungen gemäß den nationalen Leitlinien zu erhalten – mit Ausnahme der oralen Polio-Vakzine. Last but not least: Abgeschwächte Lebendimpfstoffe sollten bei Neugeborenen von Müttern, die in der zweiten Schwangerschaftshälfte bDMARDs erhielten, in den ersten sechs Lebensmonaten vermieden werden. Die neuen Daten bzw. Zulassungsänderungen zum Einsatz von Certolizumab (und teils anderen Anti-TNF-Therapien) in der Schwangerschaft änderten hier (noch) nichts an der Einschätzung der EULAR-Experten. (1)   

Quellen:
1  Ann Rheum Dis 2019; doi: 10.1136/annrheumdis-2019-215882
2  Bundesgesundheitsbl 2019, 62(4): 494-515
3  Epidemiologisches Bulletin 34/2019

Kompakt:
Im April 2019 hat ein deutsches Expertenteam auf STIKO-Initiative Anwendungshinweise speziell für AIIRD-Patienten veröffentlicht (2), deren Lektüre ebenso empfehlenswert ist wie die neuen Impfempfehlungen der STIKO 2019/20 (3), die den Totimpfstoff Shingrix als Standardimpfung für alle Personen ≥60 Jahre und Personen ≥50 Jahre bei erhöhtem Risiko infolge z. B. angeborener oder erworbener Immundefizienz oder Immunsuppression vorsieht.