Versorgungsdefizite in der Rheumatologie

Kampagne „Rheuma in der Gesellschaft“: Zu geringe Weiterbildungsmöglichkeiten im Fokus

Prof. Dr. Hanns-Martin Lorenz

Prof. Dr. Hendrik Schulze-Koops

Auf einer Online-Pressekonferenz im Vorfeld des DGRh-Kongresses verdeutlichten der Kongresspräsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh), Prof. Dr. Hendrik Schulze-Koops, München, und Prof. Dr. Hanns-Martin Lorenz, Heidelberg, das altbekannte Problem einer zu geringen Zahl niedergelassener Rheumatologen, um eine wirklich adäquate Patientenversorgung darstellen zu können und benannten mit dem eklatanten Mangel von Weiterbildungsmöglichkeiten und Fehlanreizen des Fallpauschalensystems (DRG) wichtige Gründe für das Fortbestehen dieser Probleme. Um die Awareness für die wissenschaftlich boomende Fachdisziplin Rheumatologie zu steigern, haben sich die DGRh, der Verband rheumatologischer Akutkliniken (VRA) und Berufsverband Deutscher Rheumatologen (BDRh) dazu entschlossen, 2020 eine Kampagne zur Stärkung der Aus- und Weiterbildung in der Rheumatologie zu starten.

Grund hierfür war allem voran der eigentlich zu begrüßende Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), demzufolge in Deutschland demnächst 8 % und in weiterer Zukunft 10 % der internistischen Kassenarztsitze mit Fachärzten für Rheumatologie besetzt werden sollten. Das Problem dabei ist, dass Rheumatologen nicht vom Himmel fallen. So liegt die Zahl der internistischen Rheumatologen derzeit bei etwa 750, obwohl für eine adäquate Versorgung fast doppelt so viele benötigt würden. Eine rasche Besserung ist nicht in Sicht, nachdem sich im vergangenen Jahr lediglich 44 Kollegen zu einem Facharzt für Rheumatologie qualifiziert haben, von denen viele vermutlich nicht Vollzeit arbeiten werden, wodurch die Engpässe eher noch größer werden, befürchtet Schulze-Koops.

Dringender Handlungsbedarf für Politik

Verwundern kann dies nicht, da an den 35 Hochschulstandorten für Medizin weniger als zehn Universitätskliniken über Lehrstühle oder äquivalente Fortbildungskliniken in der Rheumatologie verfügen und auch bei sonstigen großen Krankenhäusern die Möglichkeiten der Weiterbildung äußerst begrenzt sind. Bereits im Studium hat die Mehrzahl der deutschen Medizinstudenten keine oder nur eine sehr rudimentäre Berührung mit der Rheumatologie trotz der nach Approbationsordnung verpflichtenden Ausbildung in dem Fach. 

Die Kampagne hat daher zum Ziel, die Politik dafür zu sensibilisieren, dass verpflichtende Ausbildungsinhalte des Medizinstudiums an der Mehrzahl der deutschen medizinischen Fakultäten nicht angeboten werden und damit die Ausbildung nicht gewährleistet ist.

Nach der Einschätzung von Lorenz hat es die Politik im Jahr 2004 bei der Einführung von DRGs zudem versäumt, den Weiterbildungsauftrag der Kliniken und Krankenhäuser zu sichern mit der Folge, dass in bestimmten Bereichen jetzt nicht genügend Fachärzte für die Versorgung zur Verfügung stehen. Im Gegensatz dazu wird in anderen europäischen Ländern regelmäßig ermittelt, wie groß der künftige Bedarf an entsprechenden Fachärzten für die Bevölkerung ist. Zudem beteiligt sich dort die Politik zumindest anteilig an der Finanzierung der Weiterbildung, die allein aus den Fallpauschalen für die Kliniken und Krankenhäuser nicht zu leisten ist. 

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass nur eine Fallpauschale nicht das breite Spektrum von Manifestationen einer Erkrankung abbilden kann. DRGs begünstigen zudem Fächer wie die Kardiologie, die den Kliniken viel Geld einbringen, während andere Fächer das Nachsehen haben mit allen nachgelagerten Konsequenzen für die ambulante Versorgung. Langfristig ist dies eine Milchmädchenrechnung, bedenkt man die durch eine verspätete Diagnose und Therapie etwa in der Rheumatologie anfallenden Kosten. Überdies zeigen Krankenkassendaten, dass im Gesundheitswesen nur für Erkrankungen aus dem hämatologisch-onkologischen Bereich noch mehr Geld als für solche im Fachgebiet Rheumatologie aufgebracht werden muss. Die schlechte Versorgung schadet damit nicht nur dem einzelnen Patienten, sondern schlägt auch gesamtgesellschaftlich zu Buche.        

Quelle: Online-Pressekonferenz im Vorfeld des DGRh-Kongresses, 3. September 2020