EDITORIAL

Corona-Krise: Schaffen wir das?

Univ.-Prof. Dr. Günter Neubauer

Univ.-Prof. Dr. Günter Neubauer

Deutschland, Europa, ja die ganze Welt ist im medizinischen Krisenmodus. Der medizinischen Krise droht ein ökonomischer Schock zu folgen. Beide treffen uns wenig vorbereitet, und sind doch Folgen einer weltweit gefeierten Entwicklung: Es ist die globale Vernetzung der Gesellschaften und Volkswirtschaften und die damit einhergehende Mobilität der Menschen, die einerseits Wohlstand andererseits aber auch Risiken globalisieren. Es ist nicht mehr unbedeutend, welche hygienischen Verhältnisse in chinesischen Fabriken oder in den Flüchtlingslagern in Griechenland herrschen. Deren Konsequenzen können über Nacht bei uns vor der Haustüre stehen. Und so ist es auch mit dem Corona-Virus im fernen und doch so nahen China geschehen.

Deutschland ist bislang mit der Pandemie – verglichen mit anderen Ländern – relativ gut zurechtgekommen. Ein Indikator dafür ist die niedrige Mortalitätsrate der infizierten Personen. Die medizinischen Behandlungskapazitäten sind längst (noch) nicht ausgeschöpft, insbesondere die Ausstattung mit Intensivbetten erweist sich als erstaunlich anpassungsfähig. 

Ähnliches gilt für die personelle Ausstattung, was freilich vor allem der hohen Motivation der Beschäftigten zu verdanken ist. Es zeigt sich allerdings, dass die personelle Kapazität nur durch Umgruppierung befriedigend gelöst werden kann. So müssen die chirurgischen Einheiten zugunsten der konservativen Abteilungen zurückgefahren werden. 

Die Corona-Krise macht freilich auch Schwächen unserer Gesundheitsversorgung sichtbar. Zum einen zeigt sich, dass sowohl die personellen Ressourcen, wie auch die Vorhaltung von Verbrauchsgütern aufgrund des hohen Kostendrucks – auch durch die Politik initiiert – auf ein Minimum reduziert worden sind. Die knappen Entgelte, die lediglich die laufenden Betriebskosten abdecken, erlauben keine Vorhaltung von Reservekapazitäten. Die bisherige Lösung: global playing. 

Bei einem überraschend auftretenden Mehrbedarf, wie dies jetzt der Fall ist, kann dieser nicht durch Rückgriff auf Reserven befriedigt werden. Ein Hindernis stellt dabei die hohe Spezialisierung von Ärzten und Pflegepersonal dar. In Zukunft muss daher in Weiterbildungsprogrammen der Aspekt einer Katastrophenlösung berücksichtigt, ja geübt werden. Bei der Bevorratung von Verbrauchsgütern muss die Perspektive des „just in time“ ein Stück zurückgestellt werden. Bevorratungen für den Notfall sollten vorgeschrieben, müssen dann aber in der Vergütung berücksichtig werden. Auch der Großhandel bzw. die Einkaufsgemeinschaften können in die Bevorratung mit einbezogen werden.

Schon bald kann das deutsche Gesundheitssystem vor der ethischen Frage stehen, welche Prioritäten nach welchen Kriterien zu setzen sind, falls die aktuellen und potenziellen Kapazitäten nicht für die Behandlung aller infizierten Menschen ausreichen. Lassen sich sowohl Reha-Kliniken wie auch die niedergelassenen Ärzte verstärkt in die Krisenbewältigung einbinden? 

Zu Hotspots der Pandemie entwickeln sich mehr und mehr die Alten- und Pflegeheime. Nicht nur dass die Einrichtungen unter einer extremen Personalknappheit leiden, sondern ihre Bewohner sind auch hochgradige Risikopersonen. Die Bewohner sind nahezu allesamt betagt, multi-morbide und damit hoch gefährdet. Verbunden mit einer sensiblen Personalknappheit ergibt sich so eine explosive Kombination von Risikofaktoren. Werden nämlich auch Pflegepersonen unter Quarantäne gestellt, so ist die Versorgung und Pflege aller Bewohner gefährdet. Für die Erkrankten bleibt nur noch die Verlegung ins Krankenhaus als Ausweg. 

Hier zeigt die Corona-Krise sichtbar für alle, dass in Deutschland eine unbefriedigende pflegerische und ärztliche Versorgungssituation in Alten- und Pflegeeinrichtungen besteht, die mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko von den Bewohnern bezahlt werden muss. Schaffen wir das ab!                                         


Univ.-Prof. Dr. Günter Neubauer
Institut für Gesundheitsökonomik
Frau-Holle-Straße 43
81739 München