Seronegativität auf dem Vormarsch

Abb.: ACPA-negative und -positive RA im zeitlichen Verlauf (2)

Abb.: ACPA-negative und -positive RA im zeitlichen Verlauf (2)

Bisher waren Studien zur Inzidenz der rheumatoiden Arthritis (RA) mit oder ohne Vorliegen von Autoantikörpern – Rheumafaktor (RF) und/oder Antikörper gegen citrullinierte Proteine (ACPA) – rar gesät. Inzwischen verdichten sich aber die Hinweise, dass es einen Trend hin zur seronegativen RA zu geben scheint, was partiell durch die alternde Gesellschaft erklärbar sein könnte. 

Erst kürzlich hatte eine US-amerikanische Gruppe um Elena Myasoedova, Rochester, Daten publiziert, die einen signifikanten Anstieg der Inzidenz RF-negativer RA-Patienten belegen. (1) Da jedoch der RF eher unspezifisch ist (häufig auch bei gesunden Kontrollen zu finden, vor allem bei Älteren), dürften die kurz darauf vorgelegten Ergebnisse niederländischer Rheumatologen um Xanthe M. E. Matthijssen, Leiden, die sich dem Anteil ACPA-positiver RA-Patienten in Holland über die beiden letzten Dekaden widmete, noch interessanter sein. (2) In dieser Analyse wurde zudem gezielt der Einfluss der Altersverteilung auf die Inzidenz der ACPA-negativen RA erfasst, da sich letztere relativ zur ACPA-positiven RA durch einen höheren Altersdurchschnitt bei Krankheitsbeginn auszeichnet. Die jeweiligen Inzidenzraten wurden auf Basis der Einschlussraten von RA-Patienten in die Leiden Early Arthritis Cohort (EAC) in den Jahren 1994 bis 2015, also über 20 Jahre berechnet. 

Klarer Trend: ACPA-negative RA wird häufiger

Eingeschlossen in die EAC wurden 1.697 konsekutive RA-Patienten (im Mittel 57 Jahre, 66 % Frauen, 48 % ACPA-positiv). Für die Gesamtinzidenz der RA wurde zwischen 1994 und 2015 ein signifikanter Anstieg um jährlich ca. 2 % ermittelt (b=0,020 (95% KI 0,012-0,027). Eine Stratifizierung nach dem ACPA-Status ergab nur für die ACPA-negative RA einen signifikanten Anstieg (b=0,028; ca. +2,8 %), während dieser für die ACPA-positive nur gering ausfiel (b=0,009; ca. +0,9 %)(Abb.). Eine weitere Stratifizierung nach dem IgM-RF-Status bei ACPA-negativer RA ergab keine signifikanten Unterschiede im Anstieg der Inzidenz von RF-positiver/ACPA-negativer und RF-negativer/ACPA-negativer RA (p=0,22). Die ACPA-negative RA hatte ihre höchste Inzidenz in einem höheren Alter (zum Zeitpunkt der Diagnose im Mittel 59 vs. 54 Jahre; p<0,001). Nach der folgenden Adjustierung der Inzidenzraten auf die Altersverteilung in der Region zeigte sich in beiden Subgruppen, dass der Anstieg partiell auf das zunehmende Alter der Population zurückzuführen war. Nach dieser Alterskorrektur verblieb noch ein geringer Anstieg der ACPA-negativen RA über die Zeit (b=0,017), nicht aber für die ACPA-positive RA (b=0,000).

Auf Basis dieser Befunde und der Tatsache, dass künftig mit einer weiteren Alterung der Gesellschaft zu rechnen ist, berechneten die Experten den zu erwartenden weiteren Anstieg der ACPA-negativen RA in den kommenden zwei Dekaden (dies auf der Grundlage von altersspezifischen Prognosen des niederländischen Statistikamtes). Der geschätzte Anstieg neuer RA-Fälle in den Niederlanden in den nächsten 20 Jahren würde sich aufgrund der Alterung der Population demnach auf 11 % für die ACPA-negative und 2 % für die ACPA-positive RA belaufen. Dies scheint relativ realistisch zu sein, da in der Region um Leiden tatsächlich alle neuen inzidenten RA-Fälle (das Leiden Universitätsmedizin-Zentrum ist das einzige Überweisungszentrum der gesamten Region) in der EAC erfasst werden und sich weder der Einzugsbereich noch die Zuweisungsstrategien verändert haben. (2)

Fazit für die Praxis

Im Ergebnis zeigt sich somit eine zunehmende Inzidenz der ACPA-negativen, nicht aber ACPA-positiven RA, ein Trend, der sich in Zukunft – angesichts der ebenfalls gefundenen, zumindest teilweisen Altersabhängigkeit – noch verstärken dürfte. Zugleich werden US-amerikanische Daten bestätigt, die einen Anstieg RF-negativer RA-Fälle über die Zeit aufgezeigt haben. Die Take-home Message dürfte sein, dass es vor dem Hintergrund einer steigenden Prävalenz der ACPA-negativen RA dringenden Handlungsbedarf gibt, sich in der Forschung stärker mit dem Therapiemanagement dieses Patientenkollektivs zu befassen.    

Quellen:
1  Ann Rheum Dis 2020;79(4): 440–444
2  Ann Rheum Dis 2020; doi: 10.1136/annrheumdis-2020-217609