INTERVIEW MIT DR. MARTIN WELCKER

Digitalisierung in der Rheumatologie: Chancen und Risiken

Dr. Martin Welcker

Dr. Martin Welcker

Einen Schwerpunkt der diesjährigen, nochmals virtuell durchgeführten BDRh-Jahrestagung bildete die durch die COVID-19-Pandemie zwangsläufig vorangetriebene Digitalisierung in der Rheumatologie. Dass diese zukünftig große Chancen  bietet, aber auch einige Fallstricke birgt, verdeutlichte BDRh-Vorstandsmitglied Dr. Martin Welcker, Planegg, in einem Gespräch.

Herr Dr. Welcker, Digitalisierung wirkt wie ein Schlagwort, mit dem Veränderungen in allen Arbeits- und Lebensbereichen erwirkt werden sollen bzw. können. Wie ist Ihre Einschätzung?

Ich möchte zu Beginn kurz anmerken, dass die folgenden Darstellungen meine persönliche Meinung darstellen, die sich aus der jahrelangen Tätigkeit in diversen Kliniken und aktuell im medizinischen Versorgungszentrum ergeben haben. Ich möchte auch anmerken, dass wir uns im Thema der Digitalisierung, verstärkt durch die COVID-19-Pandemie, aktuell quasi auf einer Reise befinden und wir das Ende dieses Weges derzeit nicht absehen können. Ich drücke somit Einschätzungen und Erwartungen aus, die nicht zwingend richtig sein müssen, aber ein gewisses Maß an persönlicher Erfahrung widerspiegeln. 

Ich möchte darüber hinaus darauf hinweisen, dass Digitalisierung kein Widerspruch zu menschlicher Medizin sein darf. Die Schritte der Digitalisierung gehören diesbezüglich kontinuierlich überdacht und im Nachhinein besser noch zum Zeitpunkt der Einführung konzeptionell evaluiert.  

Bei der Digitalisierung handelt es sich um ähnlich einschneidende Veränderungen wie zu Beginn des Buchdrucks. Die Möglichkeiten der Dokumentation und der Vervielfältigung von Informationen haben neue Dimensionen erreicht. 

Mensch und Organisationen müssen und werden erst lernen, mit diesen Möglichkeiten umzugehen. Der positive wie auch potenziell negative Effekt wird sich im Lauf der nächsten Jahre zeigen. 


Was bedeutet Digitalisierung in der Medizin? 

Das Handeln aller Akteure wird sich im Lauf der Zeit wesentlich wandeln. Wichtig erscheint mir, dass die menschliche Handlung an sich und hier insbesondere die Kommunikation auf allen Ebenen nicht durch digitale Technik ersetzt wird. Die Entwicklung lernender Algorithmen im Sinne des „Machine Learning“ stellt diesen Ansatz durchaus in Frage. 

Aus meiner Sicht ist es wichtig, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, zeitliche Freiräume im Rahmen unseres begrenzten Zeitbudgets zu gewinnen. So kann durch die Erfassung anamnestischer Sachverhalte und vieles mehr durch digitale Fragebögen oder andere Erhebungsmöglichkeiten (Schrittzähler, Stressmesser etc.) gegebenenfalls wertvolle Zeit für Gespräche und Austausch im Rahmen des direkten Patientenkontakts gewonnen werden. Hierdurch ist dann sogar eine Vertiefung des menschlichen Miteinanders in der Betreuung und des Patienten-Arzt-Verhältnisses möglich. Auch in den Räumen einer Praxis, einer Ambulanz oder eines Krankenhauses können möglicherweise Unruhe und sinnlose Wartezeiten verhindert werden. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass auch sogenannte sinnlose Zeit kreative und wertschöpfende Zeit sein kann. Bei der Verdichtung der Abläufe gehen solche kreativen Momente durchaus verloren und die Stressbelastung 
der Beteiligten kann auch zunehmen. 

Um die Digitalisierung daher wirklich gewinnbringend für die Betreuung der Patienten umsetzen zu können, bedarf es dringend und von Beginn an der Evaluation der Methoden aus technischer, menschlicher und psychologischer Sicht. Digitalisierung ist weder schlecht noch gut. Letztlich definiert das Ergebnis der Nutzer selbst; um dieses tatsächlich beeinflussen zu können, sollte bzw. muss dieser von Anfang an eingebunden sein.


Welche Potenziale bieten sich in der Rheumatologie oder allgemein für die Praxis? 

In der Praxis können redundante Prozesse durch Digitalisierung vereinfacht werden. Daten, die einmal aufgenommen werden, können in alle notwendigen Unterregister automatisch verteilt werden, der Datenfluss wird in seiner Qualität deutlich stabilisiert und beschleunigt. Mehrfacherfassungen desselben Datensatzes können vermieden. Der Patientenfluss wird hierdurch insgesamt harmonisiert. Durch die digitale Erfassung von Messparametern bzw. Anamnesepunkten werden unterschiedliche Informationsquellen zusammengeführt und somit Reibungspunkte in der Praxisorganisation und Wartezeiten reduziert. Der Informationsfluss für den Behandlungsmoment wird deutlich optimiert. 

Zu Beginn der Behandlung werden wichtige Informationen bereits in digitaler Form, also in einer digitalen Patientenakte, vorliegen. So können Angaben zum Befinden über Scroll-Systeme, welche z. B. die Mobilität, Beschwerden oder Stimmungen allgemein und standardisiert erfassen, vorbereitet werden. Das individuelle Gespräch wird gleich zu Beginn qualitativ verbessert. Es steht mehr Gesprächszeit durch bereits erfasste Informationen zur Verfügung. Letztlich fördert dies die Gesprächsqualität und somit auch die Betreuungsqualität. 


Gilt dies auch für die Prävention?

Auch hier können wichtige anamnestische oder sonstige aktuelle Daten (z. B. 
Mobilitätstracker) digital erfasst und einem automatischen Risikoscore zugeführt werden. Hierdurch wird die Risikobeurteilung eines Patienten z. B. bezüglich Komorbiditäten automatisiert, beschleunigt und in seiner Qualität gesteigert. 

 

Auch in Bezug auf die Gesundheit der Bevölkerung? 

Die Vision der Digitalisierung ermöglicht es gegebenenfalls den zunehmenden Mitarbeitermangel, die begrenzten technischen Möglichkeiten und zeitlichen Ressourcen teilweise zu kompensieren. Der Durchschnitt der Menschheit wird heutzutage deutlich älter, der Anteil der Berufstätigen in der Bevölkerung und somit auch der pflegerischen, assistierenden Mitarbeiter nimmt ab. Durch die Digitalisierung kann diese nachteilige Veränderung des Verhältnisses vom Betreuungsbedarf und von der Betreuungskapazität im besten Fall kompensiert oder ausgeglichen werden. 


Welche digitalen Einsatzmöglichkeiten gibt es zurzeit in der Rheumatologie von Applikationen wie z. B. von RhePort, Rhadar und RheCORD?

Diese Tracker, wie z. B. RhePort, welche in ihrer Qualität sicherlich noch verbessert werden können, bieten den Menschen mit Symptomen die Möglichkeit, eine gegebenenfalls notwendige ärztliche Behandlung in digitaler Version abzuklären. Durch die standardisierte Erfassung der Symptome kann durch Hinterlegung evaluierter Algorithmen eine Art Priorisierung der Beschwerden erfolgen und diese womöglich schon einem Krankheitsbild zugeordnet werden. 

Dr. Knitza, Universität Erlangen, hat in einer aktuelle Studie, welche die Applikationen ADA und RhePort vergleicht, hierzu ermutigende Ergebnisse darstellen können (Zwischenbericht bETTeR-Studie 2020, DGRh-Kongress; Arthritis Res Ther 2021; 23(1): 112).* 

Im Anschluss hat der Patient digital die Möglichkeit zur Terminvereinbarung mit einer spezifischen bzw. gewünschten Praxis oder Ambulanz. Alternativ wäre ein freier Termin in einem gewissen geografischen Radius der beteiligten Praxen darstell- und vermittelbar. 

Im Vorfeld der Vorstellung können den Patienten durch digitale Möglichkeiten stratifizierte Anamnesebögen (z. B. Idana) zugestellt werden, welche diese in Ruhe zu Hause objektiv und vollständig ausfüllen können (Beschwerden, Medikation, Operationen, Impfungen etc.). Diese Daten werden anschließend sicher digital DSGVO-konform übertragen und im Praxisverwaltungssystem automatisch an richtiger Stelle abgelegt, sodass diese Informationen bereits bei Betreten der Praxisräume vorliegen. 

In einem schnittstellenoffenen Praxisverwaltungssystem (PVS, wie z. B. ergänzt um das Dokumentationssystem RheMIT) kann fachspezifisch jede Information, die den Patienten betrifft (Vorbefunde, Anamnese, Untersuchungsbefunde, Laborbefunde, etc.) dokumentiert werden. Unterstützende Algorithmen, welche die zusammengeführten Daten aus einer Datenbank erhalten, können unterstützend Vorschläge zur weiteren Abklärung bzw. zur Diagnosestellung erarbeiten. 

Nach entsprechender Diagnosestellung können Symptomtracker (z. B. RheCORD) auch zwischen den Praxisterminen standardisierte Befunde erfragen. Perspektivisch beeinflussen diese Ergebnisse auch die weitere Terminvergabe (z. B. ein früherer bzw. späterer Termin bei zu- oder abnehmender Aktivität). In der digitalen Zusammenschau dieser Daten und der digital erfassten Medikation (QR-Code) können Therapiesteuerungsalgorithmen (so z. B. RheVITAL) den Patienten, den Arzt bzw. die Praxis durch automatisierte Hinweise und Kommunikation unterstützen. 


Wenn Sie eine Vision haben, wie sieht die digitale Medizin der Zukunft aus?

Ich stelle mir vor, dass der Informationstransport auf Papier weitgehend verschwinden wird. Hierdurch wird ein Datenverlust und eine falsche Zuordnung von Daten vermutlich reduziert werden. Da Informationen hiermit automatisch an vorgegebenen Stellen abgelegt und versandt werden, muss dieselbe Information nicht mehrfach aufwendig erhoben werden. Hierdurch wird ein erhebliches Maß an „freier“ Zeit generiert, die für die tatsächliche Betreuung unserer Patienten (durch Assistenz und Ärzte) genutzt werden kann. Ich sehe hierdurch trotz des Einsatzes von digitaler Technik die Möglichkeit der Vermenschlichung der Medizin, der Reduktion des Zeitstresses mit der Möglichkeit, die Patienten-Arzt-Beziehung und die Patienten-Assistenz-Beziehung vertiefen zu können. 

Es ist wichtig zu formulieren, dass die Digitalisierung nicht mit dem Ziel des Personalersatzes – Stichwort Gewinnmaximierung – durchgeführt, sondern zum Zweck der Versorgungsverbesserung mit Unterstützung unserer bisherigen Abläufe eingesetzt und weiterentwickelt werden muss. 

Herr Dr. Welcker, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Offizielles Mitteilungsorgan des BDRh e.V.